Fam. Paul Oestreicher

Dr. Paul Oestreicher war ein angesehener Kinderarzt in Meiningen. Er war verheiratet mit der nichtjüdischen Kammersängerin Emma Schnaus. Der Sohn, der mit Vornamen ebenfalls Paul heißt, wurde 1931 geboren. Die Familie Oestreicher lebte in der Bernhardstraße 7. In dem Haus befand sich auch die Kinderarztpraxis. Direkt gegenüber stand das Meininger Theater, in dem die Ehefrau Emma oft Auftritte hatte. Im Ersten Weltkrieg meldete sich Dr. Oestreicher freiwillig als Soldat. Sein Sohn Paul beschreibt ihn als Patrioten, der gerne für sein Vaterland gekämpft hat. Dr. Oestreicher kam als Offizier aus dem Ersten Weltkrieg zurück und erhielt als Auszeichnung das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Später konventierte er zum Christentum. Der Übertritt zum Christentum und auch die Ehe mit einer „arischen“ Frau schütze die Familie nicht vor Verfolgungen. Als Träger des Eisernen Kreuzes durfte Dr. Oestreicher einige Zeit länger Arzt bleiben als andere jüdische Ärzte.

Doch 1938 erhielt auch er Berufsverbot. Kurze Zeit später warf der Hausbesitzer die Familie aus der Wohnung, und ihr Bankkonto wurde gesperrt. Oestreichers kehrten Meiningen den Rücken und versuchten Deutschland so bald wie möglich zu verlassen. In Berlin gelang es Dr. Oestreicher, die Erlaubnis für eine Einwanderung nach Neuseeland zu bekommen. Das nötige Geld bekam er über einen ihm unbekannten Helfer. Die Flucht gelang kurz nach der Reichspogromnacht. Der Sohn Paul war damals sieben Jahre alt. 1942 erhielt die Familie im Exil der Abschiedsbrief der Mutter bzw. Großmutter, Else Oestreicher. Sie hatte ihn im Februar 1942 kurz nach dem Umzug in das Judenhaus und vor ihrem Freitod geschrieben.

Paul Oestreicher kehrte immer wieder nach Deutschland und in seinen Geburtsort Meiningen zurück. In Neuseeland wurde er in der deutschen Sprache und Kultur erzogen. Nach der Schule studierte er Politik, u.a. mit einem Stipendium in Bonn. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara Einhorn, die auch Kind deutschjüdischer Flüchtlinge ist, lebt Paul Oestreicher heute in Brighton. Er gehört der Religionsgemeinschaft der Quäker an und bekennt sich zum Pazifismus. Seit 1995 ist Paul Oestreicher Ehrenbürger der Stadt Meiningen. 2011 war er bei der Verlegung des Stolpersteins für seine Großmutter anwesend und hielt eine bewegende Rede. In Meiningen feierte er auch seinen 80. Geburtstag, zu dem er ein Apfelbäumchen geschenkt bekam. Gemeinsam mit Kindern des Kinderhauses Regenbogen pflanzte Paul Oestreicher den Baum in den Garten des Kindergartens und schrieb in einem offenen Brief an die Meininger:

“...Dieser Baum und die Kinder, die dabei geholfen haben, sind Zeichen einer hoffnungsvollen Zukunft. Das verpflichtet mich geradezu, jedes Jahr zur Apfelernte nach Meiningen zu kommen!“

Copyright 2012 Paul Oestreicher
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